Planung · Vorschriften · Mündungshöhe
Wie hoch muss ein Schornstein sein?1. BImSchV & VDI 3781 Blatt 4.
Die richtige Schornsteinhöhe entsteht nicht aus einer einzelnen Faustregel. Brennstoff, Dachgeometrie, First, Fenster, Nachbargebäude und die Umgebung können gemeinsam darüber entscheiden, wo die Mündung liegen muss.
Die Kurzantwort
Wie hoch muss ein Schornstein sein?
Bei einer neuen Feuerungsanlage für feste Brennstoffe muss die Schornsteinmündung nach § 19 Absatz 1 der 1. BImSchV grundsätzlichfirstnah angeordnet sein und den First um mindestens 40 cm überragen.
Damit ist die Planung aber noch nicht abgeschlossen. Zusätzlich können Fenster, Türen und Lüftungsöffnungen im Umfeld eine größere Höhe erforderlich machen. Bei ungünstiger Bebauung, Hanglage oder wenn von der firstnahen Ausführung abgewichen werden soll, kommt die VDI 3781 Blatt 4ins Spiel.
Für bestehende Anlagen, wesentlich geänderte Anlagen sowie Gas- und Ölanlagen gelten teilweise andere Randbedingungen. In Bayern sind zusätzlich die Anforderungen der Feuerungsverordnung zu beachten.
Bundesrecht
Was § 19 der 1. BImSchV für neue Festbrennstoffanlagen verlangt.
§ 19 der Ersten Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes regelt die Ableitbedingungen für Abgase. Für Feuerungsanlagen für feste Brennstoffe, die nach dem 31. Dezember 2021 errichtet werden, ist die Grundanforderung klar: Die Austrittsöffnung muss firstnah angeordnet sein und den First um mindestens 40 cm überragen.
Die Position der Mündung soll sich am höchsten Bereich des Daches orientieren – nicht einfach dort liegen, wo der Schornstein konstruktiv am bequemsten ist.
Bei der regulären Ausführung muss die Austrittsöffnung den First um mindestens 40 cm überragen.
Fenster, Türen und Lüftungsöffnungen können unabhängig davon zusätzliche Anforderungen an die Mündungshöhe auslösen.
Begriff erklärt
Was bedeutet „firstnah“?
„Firstnah“ ist in § 19 konkret definiert. Die Austrittsöffnung gilt als firstnah, wenn zwei Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind:
Der horizontale Abstand zum First ist kleiner als der horizontale Abstand zur Traufe.
Der vertikale Abstand vom First ist größer als der horizontale Abstand vom First.
Bei Dachneigungen unter 20 Grad wird die Höhe nicht einfach von der realen Dachfläche aus beurteilt. § 19 verlangt dann die Bezugnahme auf einenfiktiven Dachfirst mit 20 Grad Dachneigung. Gerade bei Flach- und Pultdächern kann das zu deutlich höheren Mündungen führen, als man auf den ersten Blick erwartet.
Schutz der Umgebung
Fenster, Türen und Lüftungsöffnungen können die Höhe bestimmen.
Für neue Feuerungsanlagen für feste Brennstoffe fordert § 19 Absatz 1 zusätzlich Mindestüberhöhungen gegenüber Lüftungsöffnungen, Fenstern und Türen. Entscheidend sind Gesamtwärmeleistung und Entfernung.
| Gesamtwärmeleistung | Prüfumkreis | Mündung über Oberkante der Öffnungen |
|---|---|---|
| bis 50 kW | 15 m | mindestens 1 m |
| > 50 bis 100 kW | 17 m | mindestens 2 m |
| > 100 bis 150 kW | 19 m | mindestens 3 m |
| > 150 bis 200 kW | 21 m | mindestens 3 m |
Oberhalb von 200 kW verweist die Verordnung für Umkreis und Mindestüberhöhung auf Tabelle 3 der VDI 3781 Blatt 4.
Berechnung statt Faustregel
Wann braucht man die VDI 3781 Blatt 4?
Die VDI 3781 Blatt 4 dient zur Bestimmung der Mindesthöhe von Abgas-Austrittsöffnungen. Ziel ist ein ungestörter Abtransport mit der freien Luftströmung und eine ausreichende Verdünnung der Abgase.
- Abweichung von der firstnahen Standardausführung: Die Höhe für das Einzelgebäude kann nach Abschnitt 6.2.1 der VDI 3781 Blatt 4 bestimmt werden.
- Standardausführung verhindert schädliche Umwelteinwirkungen nicht: Dann verlangt § 19 eine Ausführung nach VDI 3781 Blatt 4 unter Berücksichtigung der vorgelagerten Bebauung und der Hanglage.
Die Richtlinie ist deshalb besonders wichtig, wenn die reale Gebäudesituation nicht in eine einfache Standardgeometrie passt.
Nordbayern
Zusätzlich wichtig: die Bayerische Feuerungsverordnung.
Die 1. BImSchV ist nicht die einzige Regel, die bei einer Abgasanlage eine Rolle spielt. In Bayern enthält § 9 der Feuerungsverordnung zusätzliche Anforderungen an die Mündungen von Abgasanlagen. Dort werden unter anderem Abstände zur Dachfläche, Dachaufbauten, Gebäudeteilen und Öffnungen geregelt.
Das ist insbesondere wichtig, weil die speziellen firstnahen Anforderungen des § 19 Absatz 1 der 1. BImSchV auf neue Feuerungsanlagen fürfeste Brennstoffe zielen. Bei Gas- und Ölanlagen muss deshalb geprüft werden, welche landesrechtlichen und technischen Anforderungen für die konkrete Anlage gelten.
Planung in der Praxis
Diese sechs Punkte entscheiden über eine belastbare Lösung.
Brennstoff und Feuerstätte
Für feste Brennstoffe greifen andere Anforderungen als für viele Gas- oder Ölanlagen. Leistung, Betriebsweise und Abgasführung bestimmen mit, welche Regeln relevant sind.
Dachgeometrie
Dachneigung, Firstlage, Traufe und die Position des Schornsteins sind entscheidend. Bei flachen Dächern kann zusätzlich ein fiktiver First maßgeblich werden.
Öffnungen im Umfeld
Fenster, Türen und Lüftungsöffnungen im relevanten Umkreis können eine größere Mündungshöhe erforderlich machen.
Nachbarbebauung
Ein höheres Nachbargebäude oder eine ungünstige Bebauung kann die freie Abströmung beeinflussen. Dann reicht die Betrachtung des eigenen Daches allein nicht.
Hanglage und Topografie
Bei schwierigen Lagen kann die Umgebung entscheidend werden. § 19 verweist für solche Fälle ausdrücklich auf die VDI 3781 Blatt 4.
Statik und Befestigung
Eine höhere Mündung ist nicht nur eine Frage des Immissionsschutzes. Freie Längen, Windlasten, Abspannungen und Befestigung müssen technisch beherrscht werden.
Beispiel
Warum eine einfache Höhenangabe oft nicht reicht.
Ein Einfamilienhaus soll einen neuen Kaminofen mit neuem Außenkamin erhalten. Der technisch einfachste Montageort liegt seitlich an der Fassade – weit entfernt vom First.
Nicht nur die freie Länge über Dach, sondern auch die firstnahe Anordnung, Dachgeometrie, Fenster im Umfeld, Nachbargebäude sowie die statische Befestigung des Außenkamins.
Es kann sinnvoller sein, den Schornsteinverlauf früh zu ändern, statt später eine unnötig hohe und statisch aufwendige Verlängerung über Dach zu bauen.
Erfahrung aus Projekten
Typische Fehler bei der Schornsteinhöhe.
Schornsteinposition erst nach dem Grundriss festlegen
Ein Schornstein kann baulich perfekt passen und trotzdem an einer ungünstigen Stelle zur Dachgeometrie oder zu schutzbedürftigen Öffnungen liegen.
Nur „40 cm über First“ merken
Die 40 cm sind keine universelle Komplettregel. Je nach Anlagenart, Baujahr, Leistung, Dachform und Umgebung gelten weitere Anforderungen.
Fenster nur am eigenen Haus betrachten
Für die immissionsschutzrechtliche Bewertung können auch Öffnungen in der Umgebung relevant sein.
Nachbarbebauung ignorieren
Höhere oder vorgelagerte Gebäude können die Strömungsverhältnisse so verändern, dass eine weitergehende Betrachtung erforderlich wird.
Verlängerung ohne Statik planen
Je höher die freie Schornsteinlänge über Dach wird, desto wichtiger werden Windlast, Befestigung und gegebenenfalls Abspannung.
Erst montieren, dann Schornsteinfeger fragen
Bei neuen oder wesentlich geänderten Feuerungsanlagen sollte die technische Abstimmung früh erfolgen – nicht erst nach der Montage.
Häufige Fragen
Schornsteinhöhe kurz beantwortet.
Muss ein neuer Holzofen-Schornstein immer über den First?
Bei Feuerungsanlagen für feste Brennstoffe, die nach dem 31. Dezember 2021 errichtet werden, verlangt § 19 Absatz 1 der 1. BImSchV grundsätzlich eine firstnahe Austrittsöffnung, die den First um mindestens 40 cm überragt. Eine Abweichung ist möglich, wenn die erforderliche Höhe für das Einzelgebäude nach VDI 3781 Blatt 4 bestimmt wurde.
Was bedeutet „firstnah“ genau?
Nach § 19 Absatz 1 ist die Mündung firstnah, wenn ihr horizontaler Abstand zum First kleiner ist als ihr horizontaler Abstand zur Traufe und ihr vertikaler Abstand vom First größer ist als ihr horizontaler Abstand vom First.
Was gilt bei einem Flachdach oder sehr flachen Dach?
Bei einer Dachneigung unter 20 Grad bezieht § 19 Absatz 1 die erforderliche Höhe auf einen fiktiven Dachfirst, der mit einer Dachneigung von 20 Grad berechnet wird.
Wie weit muss ein Schornstein von Fenstern entfernt sein?
Für neue Feuerungsanlagen für feste Brennstoffe bis 50 kW verlangt § 19 Absatz 1, dass die Mündung innerhalb eines Umkreises von 15 m die Oberkanten von Lüftungsöffnungen, Fenstern und Türen um mindestens 1 m überragt. Mit steigender Gesamtwärmeleistung wachsen Umkreis und erforderliche Überhöhung.
Gilt die 1. BImSchV auch für Gas- und Ölheizungen?
Die speziellen firstnahen Anforderungen des § 19 Absatz 1 betreffen neue Feuerungsanlagen für feste Brennstoffe. Für Gas- und Ölanlagen sind je nach Anlage unter anderem Landesfeuerungsverordnung, Bauordnungsrecht und technische Regeln relevant. In Bayern enthält § 9 FeuV eigene Anforderungen an die Mündungen von Abgasanlagen.
Kann ich die erforderliche Schornsteinhöhe selbst berechnen?
Einfache Randbedingungen lassen sich grundsätzlich nachvollziehen. Sobald Dachgeometrie, Nachbarbebauung, Hanglage, mehrere Öffnungen oder Sonderfälle eine Rolle spielen, sollte die Auslegung fachlich geprüft werden. Eine reine Online-Faustregel ersetzt keine projektbezogene Planung.
Wer bestätigt die Einhaltung der Anforderungen?
Bei neuen oder wesentlich geänderten Feuerungsanlagen muss der Betreiber die Einhaltung der Anforderungen des § 19 vor der Inbetriebnahme von einer Schornsteinfegerin oder einem Schornsteinfeger feststellen lassen.
Primärquellen
Worauf sich dieser Artikel stützt.
§ 19 der 1. BImSchV
Ableitbedingungen für Abgase – insbesondere die Anforderungen für neue und wesentlich geänderte Feuerungsanlagen für feste Brennstoffe.
Gesetzestext öffnen ↗VDI 3781 Blatt 4
Umweltmeteorologie – Ableitbedingungen für Abgase – Kleine und mittlere Feuerungsanlagen sowie andere als Feuerungsanlagen, Ausgabe Juli 2017.
VDI-Richtlinie ansehen ↗Bayerische Feuerungsverordnung
§ 9 FeuV regelt in Bayern zusätzliche Anforderungen an die Abführung von Abgasen und die Mündungen von Abgasanlagen.
Bayerische FeuV öffnen ↗Dieser Beitrag dient der fachlichen Orientierung. Die konkrete Ausführung einer Abgasanlage muss immer anhand des jeweiligen Gebäudes, der Feuerstätte und der örtlichen Randbedingungen geprüft werden.
Konkretes Projekt?
Wir prüfen, welche Schornsteinhöhe bei Ihrem Gebäude sinnvoll ist.
Senden Sie uns Fotos, Pläne und Angaben zur geplanten Feuerstätte. Unser Projektteam kann die Ausgangssituation einordnen und den nächsten sinnvollen Schritt festlegen.
